Herzlich willkommen beim Pädagogischen Buchversand!

Rückblick Vortrag Univ.-Prof. Dr. Henri Julius

Zusammenfassung Vortrag "Bindungsgeleitete Interventionen" (14.6.2012, edu4you Veranstaltungszentrum)

Entwicklung vollzieht sich in Beziehungen. Das ist eine der zentralen Erkenntnisse der letzen Dekade in der Psychologie. Das Wachstum des menschlichen Gehirns wurde im Laufe der Evolution insbesondere durch die hohe Sozialorganisation unserer Spezies gefördert. Und auch die individuelle Entwicklung eine Menschen ist maßgeblich von der Beziehungsqualität abhängig. Das gilt natürlich insbesondere für die Kindheit, in der sich das Gehirn entwickelt und in der die Abhängigkeit von Beziehungen am größten ist.

Was aber passiert, wenn die Beziehungen zwischen Kindern und ihren Eltern nicht gelingen? Welche Auswirkungen hat das auf die Entwicklung eines Kindes?

Aus bindungstheoretischer Sicht spiegeln sich die Beziehungserfahrungen von Kindern mit ihren primären Bezugsfiguren in den verinnerlichten Beziehungskonzepten der betroffenen Kinder wider. Kinder, die eine gestörte Beziehung zu ihren Eltern haben, weil sie von den Eltern z.B. vernachlässigt, überbehütet oder gar misshandelt oder getrennt wurden, entwickeln in der Regel sog. unsichere Bindungsmuster. Diese unsicheren Bindungsmuster stehen in einem ursächlichen Zusammenhang zu einer großen Bandbreite von psychischen Störungen des Kindes- und Jugendalters.

Kinder wachsen heute zunehmend unter familiären Bedingungen auf, die sich hemmend auf ihre Entwicklung auswirken. Dieses Phänomen zeigt sich immer öfter bereits im „ganz normalen" Regelschulbereich, wo etwa 50% aller Kinder unsichere Bindungen im familiären Kontext aufweisen. Erst recht im Förderbereich der emotionalen und sozialen Entwicklung: Dort sind mehr als 90 Prozent der Kinder betroffen.

Ein zentrales Problem ist nun, dass diese Beziehungskonzepte auch auf neue, wichtige Bezugspersonen außerhalb des familiären Kontextes, wie z.B. Lehrpersonen, übertragen werden. Sobald die Übertragung einsetzt (und das ist bei dem überwiegenden Teil der Kinder der Fall), wenden die Kinder in diesen neuen Beziehungen die gleichen Beziehungsstrategien an wie in den bisherigen Primärbeziehungen.

Wenn eine Übertragung der in der Familie erworbenen Bindungsqualität auf außerschulische Betreuungspersonen, wie z.B. Lehrerinnen und Lehrer, stattfindet, stellt sich als nächstes die Frage nach den Reaktionen dieser Personen auf das Beziehungsverhalten der Kinder. Eine inzwischen breite, empirische Datenbasis zeigt, dass diese neuen Bezugspersonen fast immer komplementär auf das Beziehungsverhalten der Kinder reagieren.

Komplementäres Verhalten in Beziehungen – und das sei an dieser Stelle herausgestellt – ist im menschlichen Beziehungsverhalten der Normalfall und stellt keineswegs ein Versagen der Lehrkräfte dar. Bei sicher gebundenen Kindern ist komplementäres Beziehungsverhalten seitens der Lehrer/innen angemessen und entwicklungsfördernd. So wenden sich z.B. Kinder, die in gesunden, familiären Beziehungen aufgewachsen sind, in emotional belastenden schulischen Situationen vertrauensvoll an die Lehrperson und erhalten - als komplementäre Reaktion - soziale Unterstützung von ihr.

Da es aber auch bei unsicherer Bindung auf seiten der Kinder zu komplementärem Verhalten der Lehrerinnen und Lehrer kommt, werden diese unsicheren Muster zementiert. Da die Beziehungsqualität zwischen Lehrer und Kind einer der wichtigsten Prädiktoren für den Schulerfolg eines Kindes ist, liegt hier ein Hochrisikofaktor vor, der die weitere kognitive und sozial-emotionale Entwicklung des Kindes gefährdet.

Die bisherige empirische Datenbasis zeigt, dass professionelle Bindungsfiguren, wie z.B. Lehrerinnen und Lehrer zumeist komplementär auf das kindliche Bindugsverhalten reagieren und so die bestehenden Bindungsmuster stabilisieren. Um die Zementierung missglückter Beziehungsmuster im Schulalltag zu verhindern und stattdessen eine entwicklungs- und lernfördernde Lehrer/in-Schüler/in-Beziehung aufzubauen, wurden sogenannte ‚Bindungsgeleitete schulische Interventionen' entwickelt. Ziel dieser Interventionen ist es, die pädagogische Beziehung so zu gestalten, dass sie den bisherigen Beziehungserfahrungen widerspricht und die Entwicklung gesunder Beziehungskonzepte fördert. ‚Bindungsgeleitete Interventionen' sind inzwischen mehrfach evaluiert worden. Die Ergebnisse dieser Evaluationen zeigen, dass der Aufbau einer entwicklungsfördernden Lehrer-Schüler-Beziehung fast immer möglich ist, und dass diese Beziehung nicht nur die weitere schulische Entwicklung, sondern auch die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes maßgeblich positiv beeinflusst.

Ein Lehrgang zu den "Bindungsgeleiteten Informationen" mit Dr. Henri Julius in Ostösterreich ist in Vorbereitung.
Kontakt und Lehrgangsinformationen: gottfried.lutz@edu4you.at

 

Das Buch zum Thema: "Bindung im Kindesalter"

kkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkkk